Blog / Feste & Bräuche

Grýla & die Jólasveinar – Islands Weihnachtstrolle

Feste & Bräuche Grýla & die Jólasveinar – Islands Weihnachtstrolle

Während anderswo ein rundlicher Mann mit Rentierschlitten anrückt, kommen in Island dreizehn Trolljungen vom Berg herunter – und ihre Mutter hat einen Kessel und einen ziemlich schlechten Ruf. Willkommen bei Grýla und den Jólasveinar, den vielleicht ungezogensten Weihnachtsgestalten des Nordens.

Wenn die Trolle Weihnachten feiern

Die isländische Weihnacht kennt keinen einzelnen, freundlichen Bescherer. Sie kennt eine ganze Sippe – und die stammt geradewegs aus dem Fels. An ihrer Spitze steht Grýla, eine alte Trollin von beachtlichem Appetit, dazu ihr Ehemann Leppalúði, dreizehn Söhne und eine Katze, die man sich lieber nicht zum Feind macht. Kein Schlitten, keine Zipfelmütze, kein Ho-ho-ho. Stattdessen ein zerklüftetes Hochland, ein langer, dunkler Winter und Figuren, die ursprünglich weniger zum Kuscheln als zum Fürchten gedacht waren.

Genau dieser Widerspruch macht die Sache so reizvoll: Island hat sich seine Weihnachtsboten nicht aus dem Süden importiert, sondern aus dem eigenen Sagenschatz gezogen. Die Gestalten sind alt, ihre nette Seite ist jung – und dazwischen liegt eine Geschichte voller Kessel, Löffel und heimlich geklauter Würste.

Grýla – die hungrige Trollmutter

Grýla ist der Kern der ganzen Erzählung. In der Folklore ist sie eine gefräßige Riesin, die im Winter über das Land streift und nach Kindern Ausschau hält, die nicht hören wollen. Wer ungezogen war, landet – so die Drohung – in ihrem großen Sack, wandert mit hinauf in die Berge und endet im Kessel als kräftiger Eintopf. Es ist die klassische Schreckgestalt, mit der Generationen von Eltern die dunkelste Zeit des Jahres ein wenig geordneter durch den Advent gebracht haben.

Man muss das nicht blutig ausmalen, um die Wirkung zu verstehen. Grýla ist die personifizierte Winterwarnung: Draußen ist es kalt, gefährlich und schwarz wie Pech, also bleib brav und bleib in der Nähe des Feuers. Dass sie dabei nie wirklich jemanden holt, sondern immer nur droht, gehört zum Spiel. Sie ist das nordische Gegenstück zum erhobenen Zeigefinger – nur eben mit Trollzähnen.

Dreizehn Söhne, dreizehn Nächte

Berühmter als die Mutter sind heute ihre Söhne: die Jólasveinar, wörtlich die „Weihnachtsburschen". Von Troll- und Riesenabkunft, alles andere als brave Gehilfen, kommen sie in den dreizehn Nächten vor Weihnachten herab – Nacht für Nacht einer, vom 12. bis zum 24. Dezember. Und weil jeder von ihnen seine eigene kleine Schwäche pflegt, tragen sie sprechende Namen, die genau verraten, welchen Unfug man in dieser Nacht zu erwarten hat.

Den Anfang macht Stekkjarstaur, der Schafskoben-Stolperer, der sich an den Schafen zu schaffen macht. Ihm folgen Giljagaur, der Schluchtenkobold, und Stúfur, der Knirps mit Vorliebe für Bratenreste. Dann kommen die Küchenplagegeister: Þvörusleikir, der Quirl- und Löffellecker, Pottaskefill, der Topfkratzer, und Askasleikir, der Schüssellecker. Hurðaskellir treibt sein Unwesen als nächtlicher Türknaller, Skyrgámur schlingt den geliebten Skyr, und Bjúgnakrækir stiehlt die Würste. Zum Ende hin wird es unheimlicher: Gluggagægir, der Fenstergucker, späht herein, Gáttaþefur, der Türspalt-Schnüffler, erschnuppert das Festgebäck, Ketkrókur angelt mit dem Fleischhaken nach dem Braten, und ganz zuletzt betritt Kertasníkir, der Kerzenbettler, die Bühne. Danach beginnt, in umgekehrter Reihenfolge, ihr Abzug zurück in die Berge – bis der letzte an Dreikönig wieder verschwunden ist.

Schuh ans Fenster: brav oder Kartoffel

So richtig gemütlich wird die Sache erst durch einen kleinen Brauch, den isländische Kinder bis heute pflegen. In den dreizehn Nächten stellen sie einen Schuh ans Fensterbrett. Wer sich anständig benommen hat, findet am Morgen eine Süßigkeit oder eine Kleinigkeit darin – ein Gruß des Burschen, der in dieser Nacht vorbeischaute. Wer dagegen unartig war, bekommt eine rohe Kartoffel. Kein Kessel, kein Sack, nur eine Knolle im Schuh: eine milde, fast liebevolle Strafe, über die am Ende meist alle schmunzeln.

An diesem Detail sieht man gut, wie sich die Trolle über die Zeit gewandelt haben. Aus den finsteren Gesellen, die man einst fürchtete, sind Figuren geworden, die eher necken als schrecken. Die Kartoffel ist der freundliche Rest der alten Drohung – gerade streng genug, um Eindruck zu machen, und mild genug, dass niemand ernstlich zittern muss.

Leppalúði und die Weihnachtskatze

Zur Familie gehört mehr als Mutter und Söhne. Da ist Leppalúði, Grýlas Ehemann, der in vielen Erzählungen eher träge in der Höhle sitzt, während seine Frau die Arbeit macht. Und da ist Jólakötturinn, die Weihnachtskatze – ein riesiges, dunkles Untier, das durch die verschneite Nacht streift. Der Legende nach frisst sie all jene, die zum Fest kein neues Kleidungsstück bekommen haben. Was zunächst grausam klingt, war früher ein handfester Ansporn: Wer bis Weihnachten fleißig gesponnen und gewebt hatte, wurde mit einem neuen Stück belohnt – und blieb der Katze so von der Speisekarte fern.

Zusammen ergibt das einen Haushalt, wie ihn kein anderes Weihnachtsland hat: eine Trollmutter, ein fauler Riese, dreizehn diebische Söhne und eine gefräßige Katze, alle versammelt in einer Berghöhle, alle mit ihrem festen Platz im Ablauf des Festes.

Eine alte Trollin in neuer Rolle

Wie alt ist das alles wirklich? Grýla selbst ist überraschend gut bezeugt. Schon im 13. Jahrhundert taucht ihr Name auf – bei Snorri im Skáldskaparmál steht sie schlicht in der Liste der Trollweiber, ganz ohne Weihnachten, und auch in den Sagas begegnet man ihr als Schreckfigur.

„Grýla heißt die eine der Trollweiber…" nach der Nennung in Snorris Skáldskaparmál, 13. Jh. (gemeinfreie Überlieferung)

Damals war Grýla also einfach eine Trollin unter vielen, eine Verkörperung des Bösen und Ungestümen. Von Adventsschuhen und braven Kindern ist an dieser Stelle noch keine Rede. Der Sprung ins Weihnachtsfest kam erst viel später – und mit ihm die ganze bunte Sippe, die wir heute kennen.

Was gesichert ist

Der Name Grýla ist schon im 13. Jahrhundert belegt, unter anderem im Skáldskaparmál der Prosa-Edda sowie in Sagatexten wie der Íslendinga und der Sverris saga. Dort erscheint sie als bloße Trollgestalt ohne jeden Bezug zum Fest. Die Jólasveinar mit ihren sprechenden Namen, der Schuh am Fenster, Leppalúði und die Weihnachtskatze sind fester Bestandteil der neueren isländischen Volksüberlieferung, wie sie etwa Jón Árnason im 19. Jahrhundert sammelte – und wurden im 20. Jahrhundert zur landesweit gepflegten Weihnachtstradition.

Mythos-Check

„Uralter heidnischer Weihnachtszauber" ist die Sache nur halb. Grýla ist alt, ihre Weihnachtsrolle ist jung: Erst im 17. Jahrhundert wird sie in Gedichten mit dem Fest verknüpft und zur Mutter der Jólasveinar gemacht. Auch die feste Zahl von dreizehn Burschen, ihre freundlicheren Züge und der Brauch mit dem Schuh formten sich großteils im 18. bis 20. Jahrhundert aus. Prägend war vor allem das Gedicht „Jólin koma" von Jóhannes úr Kötlum aus dem Jahr 1932, das die heute geläufige Reihe und ihre Namen popularisierte. Kurz gesagt: eine alte Trollgestalt in einer vergleichsweise neuen Weihnachtsrolle.

Warum uns diese Trolle bis heute wärmen

Vielleicht liegt der Reiz gerade darin, dass Island seine Weihnacht nicht glatt geschliffen hat. Wo anderswo alles zuckersüß leuchtet, bleibt hier ein Rest von Wildnis: der lange Winter, der Fels, das Ungewisse in der Dunkelheit. Grýla und ihre Söhne sind die charmant-schaurige Erinnerung daran, dass Feste immer auch aus dem gewachsen sind, was die Menschen einst fürchteten – und dass man diese Furcht mit Fantasie, Humor und ein paar Kerzen zähmen kann.

So schließt sich der Kreis am Ende doch wieder ganz weihnachtlich. Aus der drohenden Trollin ist eine liebevoll erzählte Familie geworden, aus dem Kessel ein Schuh am Fenster, aus der Angst eine Vorfreude. Dreizehn Nächte lang schaut jeden Abend ein neuer Bursche vorbei, bringt entweder eine Kleinigkeit oder eine Kartoffel – und trägt so, ganz nebenbei, ein Stück nordische Sagenwelt mitten ins Fest.

Nordisches Kristallglas-Windlicht, lasergraviert | Glanz & Gravur
Aus unserer Manufaktur: Kristallglas-Windlichter für die dunklen Dezembernächte, lasergraviert. Im Shop →

Weiterlesen bei uns

Jul – das Julfest · Die Weihnachtskatze · Þorrablót – das Winterfest · Die germanischen Feste · Die Sonnenwendfeiern.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge