Es gibt gemütlichere Weihnachtsgestalten als eine haushohe Katze, die durch die Winternacht streift und nachsieht, wer kein neues Kleidungsstück bekommen hat. In Island heißt dieses Wesen Jólakötturinn, die Weihnachtskatze, und wer sie kennt, näht im Advent lieber ein Stück schneller. Hinter der Schauergeschichte steckt aber kein finsterer Aberglaube, sondern eine überraschend praktische Botschaft über Fleiß, Wolle und den Lohn ehrlicher Arbeit.
Man stelle sich ein Tier vor, das größer ist als jedes Haus, mit Augen wie Kohlefeuer und Pfoten, die durch den Schnee stapfen, ohne ein Geräusch zu machen. So beschreibt die isländische Überlieferung den Jólakötturinn, die Weihnachtskatze. Sie ist kein possierlicher Kaminkater, sondern ein Wesen, das in der dunkelsten Zeit des Jahres über das Land zieht und ein sehr bestimmtes Interesse hat: Sie will wissen, wer zum Fest ein neues Kleidungsstück bekommen hat und wer nicht. Wer leer ausging, den holte sich, so die Drohung, die Katze.
Das klingt nach einer reichlich harten Strafe dafür, keinen neuen Pullover zu besitzen. Und genau hier wird die Geschichte interessant, denn sie war nie als reine Gruselerzählung gedacht. Sie war ein Antrieb, ein Versprechen und eine Warnung in einem, verpackt in ein Fell, das man im Dunkeln besser nicht traf.
Der Kern des Brauchs ist erstaunlich handfest. In den langen isländischen Wintern war die Verarbeitung der Wolle die große Arbeit der kalten Monate. Vom Herbst bis in den Advent hinein wurde gekämmt, gesponnen, gewebt und genäht. Wer seinen Teil dieser Arbeit rechtzeitig vor Weihnachten erledigt hatte, wurde belohnt: mit einem neuen Kleidungsstück, oft aus genau der Wolle, die man selbst verarbeitet hatte. Wer dagegen faul gewesen war und seine Aufgabe hatte liegen lassen, ging leer aus und bekam nichts Neues zum Fest.
Und wer nichts Neues bekam, der musste die Katze fürchten. So band sich die mühsame Textilarbeit an das schönste Fest des Jahres. Das neue Hemd, die neuen Socken waren nicht nur warm, sie waren ein sichtbarer Beweis, dass man seinen Beitrag geleistet hatte. Die Weihnachtskatze war damit weniger ein Ungeheuer als ein sehr eindringlicher Vorarbeiter, der über den Zeitplan wachte.
„Wer kein neues Kleid bekam, den holte die Weihnachtskatze." volkstümliche isländische Redewendung (gemeinfrei)
Aus dieser strengen Logik ist mit den Jahrhunderten etwas Warmes geworden. Bis heute ist es in Island Brauch, Kindern vor Weihnachten ein neues Kleidungsstück zu schenken, ganz sicherheitshalber, damit die Katze niemanden findet, an dem sie Anstoß nehmen könnte. Was einst als Drohung begann, ist zu einer liebevollen Geste geworden: Niemand soll das Fest ohne ein neues Stück erleben, und sei es nur ein Paar Socken.
Darin steckt eine kleine, ehrliche Weisheit, die sich gut in den nordischen Winter fügt. Wärme, Kleidung und Fürsorge waren keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis von Arbeit und Umsicht. Die Weihnachtskatze erinnerte daran, dass hinter jedem gewebten Faden Mühe steckt und dass man diese Mühe feiern darf, wenn sie getan ist.
In der isländischen Folklore ist der Jólakötturinn nicht allein unterwegs. Er gehört zum Haushalt der furchterregenden Riesin Grýla, die zur Weihnachtszeit ungezogene Kinder sammelt, und ihrer Söhne, der Jólasveinar, der dreizehn Weihnachtsgesellen. Diese kauzige Truppe von halb bedrohlichen, halb komischen Gestalten prägt bis heute den isländischen Advent. Die Katze ist gewissermaßen das Haustier dieser Familie, und wie so oft ist das Haustier mindestens so unheimlich wie seine Besitzer.
Berühmt wurde die Weihnachtskatze vor allem durch ein Gedicht des Dichters Jóhannes úr Kötlum, das die Gestalt in eingängige Verse goss und im 20. Jahrhundert fest in der isländischen Weihnachtskultur verankerte. Wer heute in Reykjavík durch die geschmückten Straßen geht, kann der Katze sogar als riesiger Lichtinstallation begegnen. Aus dem Schrecken der Winternacht ist längst ein Stück Nationalfolklore geworden, auf das die Insel mit einem Augenzwinkern stolz ist.
Historisch fassbar ist vor allem der Hintergrund, nicht das Ungeheuer. Die Wollverarbeitung war in der isländischen und wikingerzeitlichen Welt eine der wichtigsten und arbeitsintensivsten Tätigkeiten überhaupt. Frauen und ganze Haushalte verbrachten Wochen mit dem Kämmen der Wolle, dem Spinnen am Wirtel und dem Weben am aufrechten Gewichtswebstuhl. Der so entstandene Wollstoff, das vaðmál, war in Island über Jahrhunderte ein festgelegtes Zahlungsmittel: Preise, Steuern und Bußen wurden in Ellen dieses Stoffs bemessen. Kleidung war damit im Wortsinn ein Wert, den man erarbeitete. Dass ein neues Kleidungsstück als Lohn für rechtzeitig erledigte Arbeit galt, fügt sich nahtlos in diese Wirklichkeit ein. Die Verbindung von Textilfleiß und Belohnung zur dunklen Jahreszeit ist also gut nachvollziehbar, auch ohne jede Katze.
Wer verstehen will, warum ausgerechnet ein Kleidungsstück zum Prüfstein für Fleiß taugte, muss sich das Handwerk vor Augen führen. Ein einziges Gewand verlangte enorm viel Vorarbeit. Aus dem Vlies wurde die Wolle gereinigt und gekämmt, am Spinnwirtel zu Faden gezwirnt und am Webstuhl in geduldiger Reihenarbeit zu Stoff verwandelt. Erst danach konnte genäht werden. Ein warmes Kleid war das Ergebnis vieler stiller Stunden im Halbdunkel der Stube.
Vor diesem Hintergrund wird die Weihnachtskatze fast logisch. Sie personifiziert den Druck, der auf einer Gemeinschaft lag, die ihre Winterkleidung selbst herstellen musste. Wer trödelte, gefährdete nicht nur seinen eigenen Anspruch auf etwas Neues, sondern das Gleichgewicht des Haushalts. Die Drohung mit der Katze war eine spielerische, erzählerische Verpackung einer sehr ernsten Notwendigkeit: rechtzeitig fertig zu werden, bevor der Winter richtig zubiss.
Vielleicht ist das der schönste Gedanke an dieser sonderbaren Gestalt. Die Weihnachtskatze feiert im Grunde die Hände, die etwas herstellen. Sie erinnert daran, dass ein Geschenk mehr wert ist, wenn Mühe darin steckt, und dass Wärme im Norden nie selbstverständlich war. In einer Zeit, in der Kleidung oft billig und beliebig ist, hat diese alte Drohung eine überraschend zeitgemäße Kehrseite: Wertschätze, was mit Sorgfalt gemacht wurde.
Genau darin liegt der leise Charme des Jólakötturinn. Er ist kein Symbol aus einer fernen Götterwelt, sondern aus der Stube, aus dem Alltag von Menschen, die spannen, webten und nähten, um durch den Winter zu kommen. Und wer schon einmal gesehen hat, wie viel Handarbeit in einem einzigen guten Stück steckt, versteht die Katze am Ende sehr gut.
So alt die Winterarbeit ist, so jung ist die Katze selbst. Als wikingerzeitliche oder gar in der Edda verankerte Gestalt lässt sich der Jólakötturinn nicht belegen. Die erste sichere Erwähnung stammt aus Jón Árnasons großer Sammlung isländischer Volkssagen von 1862; als weithin bekannter Klassiker verbreitete sich die Figur spätestens 1932 durch das Gedicht von Jóhannes úr Kötlum. Der eigentliche Kern, das Bild vom neuen Kleid als Lohn für Fleiß, ist vermutlich älter als die schaurige Katzengestalt, die sich darum rankt. Forscher wie Guðmundur Ólafsson verweisen zudem auf Parallelen bei kontinentaleuropäischen Begleitfiguren des Nikolaus, die Ungehorsam ahndeten. Der Jólakötturinn ist damit neuzeitliche Folklore, verwurzelt im Textil-Alltag der Insel, nicht in der alten heidnischen Mythologie. Wer ihn als uraltes Wikingerwesen verkauft, dichtet der netten Katze mehr Jahrhunderte an, als ihr zustehen.

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