Ostslawen

Von den Stämmen der Waldsteppe zur Kiewer Rus – und ihren Göttern Perun und Veles.

Stammbaum

Östlich der Westslawen, in den weiten Wäldern und Steppen zwischen Bug, Dnjepr und dem Schwarzen Meer, siedelten die Ostslawen. Aus ihren Stammesbünden – Poljanen, Drewljanen, Kriwitschen, Wjatitschen und anderen – wuchs ab dem 9. Jahrhundert ein mächtiges Reich: die Kiewer Rus.

Heiligtum mit Götterbild
Vor dem Kreuz: das heidnische Pantheon der Rus mit Perun an der Spitze.

Die ostslawischen Stämme

Osteuropäische Ebene · 6.–10. Jh.

Rund ein Dutzend Stammesvereinigungen besiedelten die Flusssysteme der osteuropäischen Ebene. Sie sind die gemeinsamen Vorfahren der heutigen Russen, Ukrainer und Belarussen.

Die Kiewer Rus

Kiew & Nowgorod · 9.–13. Jh.

Ein Reich an den großen Handelswegen „von den Warägern zu den Griechen“. Skandinavische Waräger (Rus) und Slawen verschmolzen hier. Fürst Wladimir I. ließ 988 das Reich christianisieren (orthodox, nach Konstantinopel) – das Ende des slawischen Heidentums als Staatskult.

Augenzeuge der Rus: Genau diese Welt – die Rus an den großen Flüssen – beschrieb 921/922 der arabische Gesandte Ibn Fadlan an der Wolga: ihr Aussehen, ihren Handel und das berühmte Schiffsbegräbnis. Ob die „Rus" nordische Händler-Waräger oder eine slawisch-skandinavische Mischschicht waren, ist bis heute umstritten – die Verbindung zu den Ostslawen und der Kiewer Rus ist aber unverkennbar. Den ganzen Bericht haben wir hier aufbereitet: Ibn Fadlan bei den Wikingern an der Wolga →

Der Glaube der Ostslawen

988, kurz vor der Taufe, ließ Wladimir laut der Nestorchronik in Kiew ein Pantheon aufstellen: an der Spitze Perun, der Donner- und Kriegsgott (mit silbernem Haupt und goldenem Schnurrbart), dazu Dazhbog (Sonne), Stribog (Wind), Chors, Simargl und die einzige Göttin Mokosch (Frauen, Spinnen, Schicksal). In den Eiden der Rus-Verträge mit Byzanz schwört man bei Perun und Veles (dem Vieh- und Eidgott).

Beleg: Die Rus-Byzanz-Verträge (u. a. 945, 971) und die Nestorchronik (um 1113) nennen diese Götter ausdrücklich. Das ist ungewöhnlich hart belegt – für slawische Verhältnisse.
Mythos: Der berühmte „Grundmythos“ vom Kampf Peruns gegen Veles (Schlange/Dieb) ist eine Rekonstruktion russischer Forscher der 1970er Jahre (Ivanov & Toporov) aus Volksliedern und Vergleichen – in keiner Quelle wird er erzählt und er gilt heute als umstritten. Auch dass Wladimirs Pantheon ein „echter“ gewachsener Kult war, ist fraglich – es könnte eine politische Inszenierung gewesen sein.

Die stärkste echte Parallele zum Norden ist der Donnergott: Perun entspricht dem baltischen Perkūnas und dem germanischen Donar/Thor – ein uraltes indogermanisches Erbe.

Funde & Orte

Das Zentrum der frühen Ostslawen war die Kiewer Rus. Fürst Wladimir ließ erst ein Götterbild des Donnergottes Perun aufstellen und es bei der Taufe der Rus 988 demonstrativ in den Dnjepr werfen (überliefert in der Nestorchronik). Reiche Fürstengräber lieferten die „Schwarzen Grabhügel" bei Tschernihiw – darunter prunkvoll vergoldete Trinkhörner.

Vergoldetes Trinkhorn aus dem Schwarzen Grab
Vergoldetes Trinkhorn (Rhyton) aus dem „Schwarzen Grab" bei Tschernihiw, 10. Jh. Foto: Wikimedia Commons, CC0.
Vorsicht/Mythos: Ob die herrschende „Rus" ursprünglich skandinavische Nordmänner waren, ist der bis heute aufgeladene Normannismus-Streit – belegt ist eine Mischung, kein reines Wikingervolk.

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