Drei große Völkerfamilien, tausend Jahre Wanderung und ein Glaube, von dem wir mehr ahnen als wissen. Mit interaktiver Karte, anklickbarem Stammbaum – und ehrlicher Trennung von Mythos und Beleg.
Stell dir Mitteleuropa vor zweitausend Jahren vor: kein Deutschland, kein Polen, keine festen Grenzen. Stattdessen ein Flickenteppich aus Stämmen, die kamen und gingen, sich verbündeten, zerstritten und neu erfanden. „Die Germanen" sind in Wahrheit kein Volk, sondern eine Schublade, die Fremde aufzogen. Genau das macht die Sache so spannend – und verlangt, dass wir ehrlich bleiben.
Unten die gemeinsame indogermanische Wurzel, daraus drei mächtige Äste: Kelten, Germanen und Slawen. Tippe auf eine Gruppe, und du landest auf einer eigenen, ausführlichen Seite.
Fangen wir mit einer Enttäuschung an: Niemand stand am Rhein und rief „Wir sind Germanen!". Den Begriff brachten andere ins Spiel. Den frühesten Gebrauch schreibt man dem Griechen Poseidonios (1. Jh. v. Chr.) zu – sein Werk ist allerdings verloren und nur in späteren Zitaten erhalten; die früheste vollständig überlieferte Verwendung steht bei Julius Caesar, der die Völker östlich des Rheins kurzerhand zu „Germanen" erklärte und so aus dem Wort die große Ordnungs-Idee machte.
Am meisten verdanken wir Tacitus (Germania, um 98 n. Chr.). Er verrät sogar, dass „Germani" ursprünglich nur der Name eines einzigen Stammes war (der Tungrer), den die Sieger dann allen überstülpten. Woher das Wort kommt? Unklar, vermutlich keltisch.

Die Spur führt in den Norden. In der Nordischen Bronzezeit (ca. 2000–500 v. Chr.) entstand vermutlich die germanische Ursprache; klar fassbar wird das Germanische mit der Jastorf-Kultur (ab ca. 6. Jh. v. Chr.). Faustregel: ab etwa 500 v. Chr. darf man von germanischen Sprachen reden – der Name „Germani" fällt erst Jahrhunderte später.

Caesar zog am Rhein einen sauberen Strich: Kelten links, Germanen rechts. Schön ordentlich – und ziemlich erfunden. Caesar selbst kannte „Germanen" westlich des Rheins, und das Wort „Germane" ist obendrein wohl keltisch. Wer die Kelten waren – Helvetier, Häduer, Arverner, Carnuten –, liest du auf der Seite Die Kelten.

Die Germanen erzählten sich selbst eine schöne Herkunftsgeschichte: Alle stammten vom Gott Mannus ab, Sohn des erdgeborenen Tuisto. Seine Söhne wurden zu Ahnen dreier Gruppen:
Ingaevonen (an der Küste) · Herminonen (im Binnenland) · Istaevonen (die Übrigen).
Nordgermanen – Dänen, Schweden, Norweger: aus ihnen wurden die Wikinger.
Westgermanen – die große Mitte: Sueben, Sachsen, Franken, Friesen, Chatten, Cherusker (Arminius!), Bataver, Ubier (Köln).
Ostgermanen – die Wanderer: Goten, Vandalen, Burgunder, Gepiden, Heruler.

Als die Germanen in der Völkerwanderung nach Westen und Süden abzogen, füllten die Slawen den Osten Mitteleuropas. Um 600 erreichten sie die Elbe-Saale-Linie – mitten durch das heutige Deutschland verlief nun eine germanisch-slawische Grenze. Drei Zweige:
Westslawen – Polen, Tschechen und die Polaben/Wenden: Sorben (in der Lausitz bis heute!), Obodriten, Lutizen, die Ranen von Rügen.
Ostslawen – die Wurzeln von Russen, Ukrainern und Belarussen; aus ihnen wuchs die Kiewer Rus.
Südslawen – Serben, Kroaten, Slowenen und die slawisierten Bulgaren auf dem Balkan.

Ein fertiges „germanisches Pantheon" gibt es so nur für den nordischen Glauben – und der wurde erst im christlichen Island aufgeschrieben. Für die Festland-Germanen und erst recht für die Slawen haben wir nur Bruchstücke, beschrieben von Leuten, die diese Götter gerade abschaffen wollten.
Tacitus benennt die germanischen Götter mit römischen Namen: Mercurius = Wodan, Hercules = Donar, Mars = Tiw. Den Beweis tragen wir wöchentlich mit uns: die Wochentage – Dienstag (Tiw/Ziu), Mittwoch (Wodan, engl. Wednesday), Donnerstag (Donar/Thor), Freitag (Frija/Frigg).

Viele kennen wir nur aus einer Zeile: Nerthus, die Erdmutter; die „Isis" der Sueben; die Zwillinge Alcis; die Göttinnen Tamfana und Baduhenna. Hart belegt sind dagegen die rheinischen Matronen – dreifache Muttergöttinnen auf Hunderten Altären, am dichtesten um Köln, Bonn und in der Eifel – und die Merseburger Zaubersprüche, die einzigen heidnischen Verse in deutscher Sprache.

Bei den Slawen ist die Lage noch dünner – eine slawische „Edda" gibt es nicht. Trotzdem ragen Gestalten heraus: Perun, der Donner- und Himmelsgott; Veles, der Vieh-, Eid- und Unterweltsgott; dazu Svarog, Dazhbog, Stribog und die Göttin Mokosch. Eine Besonderheit: Die Westslawen bauten Tempel und schnitzten vielköpfige Götterbilder – der viergesichtige Svantevit von Arkona, der dreiköpfige Triglav von Stettin.

Erstaunlich viele Götter sind über die Sprachgrenzen hinweg dieselben – sie tragen nur andere Kleider (urgermanische Formen mit *):
| Rolle | Römisch | Urgermanisch | Festland | Nordisch | Slawisch | Baltisch |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Götterchef / Magie / Tod | Mercurius | *Wōðanaz | Wodan | Óðinn | — | — |
| Donner / Schutz | Hercules / Jupiter | *Þunraz | Donar | Þórr | Perun | Perkūnas |
| Himmel / Recht / Krieg | Mars | *Tīwaz | Tiw / Ziu | Týr | (Svarog?) | Dievas |
| Liebe / Ehe (Göttin) | Venus | *Frijjō | Frija | Frigg | Mokosch | Laima |
| Fruchtbarkeit / Ahnherr | — | *Ingwaz | Ing | Yngvi-Freyr | (Dazhbog) | — |
| Erde / Mutter | (Terra Mater) | *Nerþuz | Nerthus | Njörðr (männl.!) | Mat Syra Zemlya | Žemyna |
Quer durch Germanen, Slawen und Balten zieht sich ein gemeinsames indogermanisches Erbe – am deutlichsten der Donnergott mit der Eiche. Vieles andere ist regional und spät: Asen und Wanen, Yggdrasil und das ausgemalte Ragnarök sind vor allem nordisch. Es gab nie eine germanische oder slawische Religion, sondern viele Spielarten.
Und was bleibt? Eine Menge: gemeinsame Götternamen vom Rhein bis zur Wolga, eine geteilte Sagenwelt und das ehrliche Staunen darüber, wie viel im Nebel liegt. Genau dieses Stück vergessene Heimat gravieren wir – mit Respekt vor den Vorfahren.

Antike: Tacitus (Germania, Annalen); Caesar; Plinius; Jordanes; für die Slawen Prokop, Thietmar von Merseburg, Helmold von Bosau, Saxo Grammaticus, die Nestorchronik. Forschung u. a.: Simek, de Vries, Ellis Davidson, Pohl, Goffart, Steuer, Brather. Karte: gemeinfreie Natural-Earth-Umrisse (CC0). Alle strittigen Punkte sind oben als „Mythos" bzw. unsicher gekennzeichnet.