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Draumar – wenn Träume das Schicksal ankündigen

Folklore & Glaube Draumar – wenn Träume das Schicksal ankündigen

In den Sagas des Nordens schläft niemand harmlos. Ein Traum ist dort selten bloßer Widerhall des Tages, sondern ein Bote: Er kündet vom Tod, von einer Schlacht, von einer Geburt oder vom Verrat, der schon unterwegs ist. Wer im Halbdunkel Frauen an sein Lager treten sieht, weiß, dass sein Schicksal längst gesponnen wurde. Der draumr ist ein Fenster – man darf hindurchsehen, aber die Hand nicht dagegenstemmen.

Der Traum als Bote, nicht als Zufall

Für das altnordische Erzählen ist der Traum eine ernste Angelegenheit. Wo wir heute von verarbeiteten Eindrücken sprechen, sahen die Sagas im draumr eine Botschaft, die von außen kommt und Bedeutung trägt. Kaum eine große Saga verzichtet auf ihn: Ein Held legt sich schlafen, und was er sieht, greift dem Kommenden voraus. Der Traum ist damit weniger Bild der Seele als Vorgriff auf das Geschehen.

Diese Träume sprechen selten offen. Sie arbeiten mit einer dichten Symbolik – Tiere, die kämpfen, Farben, die etwas verraten, Blut, das jemanden zeichnet, Frauen, die durch die Nacht wandern. Der Träumer versteht das Bild oft nicht selbst; er braucht einen Deuter oder er erkennt die Wahrheit erst, wenn sie eingetreten ist. Genau in dieser Verzögerung liegt die Spannung: Das Vorzeichen ist da, doch sein voller Sinn enthüllt sich erst mit dem Verhängnis.

Gísli und die zwei Traumfrauen

Am eindringlichsten zeigt das die Gísla saga Súrssonar. Der geächtete Gísli, ein Mann, der jahrelang gejagt am Rand der Gesellschaft lebt, wird Nacht für Nacht von zwei Frauen im Traum heimgesucht – den draumkonur. Die eine ist ihm hold: Sie tröstet ihn, spricht von Milde, von einem würdigen Ende. Die andere ist unheilvoll; sie drängt ihn in die Gewalt und will ihn mit Blut bezeichnen.

„Zwei Frauen kamen zu mir im Traum; die eine war mir hold, die andere wollte mich mit Blut bezeichnen." nach der Gísla saga Súrssonar (gemeinfreie Übersetzungstradition)

Diese beiden Gestalten sind mehr als Sinnbilder eines inneren Widerstreits. Die Forschung liest sie meist als Fylgjur – als Schutz- und Schicksalsgeister, die einem Menschen zugeordnet sind und sein Los begleiten. In Gíslis langem Ächterleben werden die Träume zum eigentlichen Maßstab seines Weges: Sie messen, wie viel Menschlichkeit und wie viel Blut ihm noch bleiben, und sie führen ihn ruhig auf sein Ende zu.

Drei Frauen und der nahe Tod

Ähnlich unerbittlich ist der Draumr Þorsteins Síðu-Hallssonar. Dem Schläfer erscheinen drei Frauen und künden ihm klar an, dass sein Mord nahe bevorsteht. Hier gibt es kein Rätseln über Farben und Tiere – die Botschaft ist beinahe nüchtern, und gerade das macht sie schwer. Der Traum warnt nicht, damit man ausweicht; er benennt, was ohnehin geschieht.

Solche Todesankündigungen gehören zum festen Bestand der Traumszenen. Die wandernde Frau in der Nacht, oft ernst und wortkarg, ist ein wiederkehrendes Motiv: eine Gestalt an der Schwelle zwischen den Lebenden und dem, was auf sie zukommt. Sie fordert nicht auf zu handeln, sondern lädt ein, das Unvermeidliche in Würde anzunehmen.

Guðrúns vier Träume

Nicht jeder Traum spricht vom Tod. In der Laxdæla saga trägt die junge Guðrún Ósvífrsdóttir dem weisen Gestr Oddleifsson vier Träume vor, die sie nicht deuten kann. Gestr erkennt in ihnen ihr ganzes Leben: Die vier Bilder sagen ihre vier Ehen voraus – jeden Mann, jeden Verlust, jeden Ausgang. Was Guðrún als verwirrende Nachtgesichte erlebt, ist in Wahrheit der Umriss ihrer Zukunft.

Diese Szene zeigt eine zweite Seite der Traumkunst: die Deutung. Der Traum allein ist stumm, er braucht einen, der die Zeichen lesen kann. Der Deuter wird damit selbst zu einer Schlüsselfigur – nicht weil er die Zukunft macht, sondern weil er sie schon sichtbar werden lässt, bevor sie eintritt. Für die Zuhörer der Saga liegt darin ein doppelter Reiz: Sie wissen früh, wohin die Erzählung läuft, und verfolgen dann, wie sich das Geträumte Stück für Stück erfüllt.

Adler über einer Schwanenjungfrau

Auch die Gunnlaugs saga kennt das Bild, das mehr weiß als der Träumer. Hier erscheint ein Traum von zwei Adlern, die um eine Schwanenjungfrau kämpfen – ein Sinnbild für die Rivalität zweier Männer um eine Frau, die in der Saga zum Verhängnis wird. Das Motiv der kämpfenden Tiere ist typisch: Vögel, Wölfe oder Bären treten stellvertretend für Menschen auf, und ihr Streit nimmt den Streit der Menschen vorweg.

So verdichten die Träume die großen Kräfte einer Saga zu einem einzigen Bild. Zwei Adler, ein Schwan – und schon liegt der Kern des kommenden Unglücks offen. Der Traum ist damit auch ein erzählerisches Kunstmittel, das dem Publikum die Fäden in die Hand gibt, an denen die Geschichte gezogen wird.

Schicksal, das man lesen, aber nicht wenden kann

Über all diesen Bildern liegt eine Grundüberzeugung: Der Traum ist ein Fenster auf das Schicksal – auf jenes Geflecht aus Vergangenem und Kommendem, das die Nordleute als etwas Gesetztes empfanden. Man konnte es erkennen, man konnte es deuten, doch man konnte es nicht abwenden. Gísli weicht seinem Ende nicht aus, Guðrúns Ehen kommen wie vorhergesehen, der bedrohte Schläfer stirbt.

Darin liegt die eigentliche Würde dieser Traumszenen. Sie handeln nicht von Flucht, sondern von Haltung. Wer sein Los im Traum vorausgesehen hat, geht ihm nicht kleiner, sondern gefasster entgegen. Der Traum nimmt dem Kommenden nicht den Schrecken, aber er gibt dem Menschen die Möglichkeit, ihm aufrecht zu begegnen – und genau das feiern die Sagas.

Was gesichert ist

Die genannten Traumszenen stehen so in den überlieferten Texten: Gíslis zwei draumkonur in der Gísla saga Súrssonar, die drei todankündigenden Frauen im Draumr Þorsteins Síðu-Hallssonar, Guðrúns vier von Gestr gedeutete Träume in der Laxdæla saga und der Traum der kämpfenden Adler in der Gunnlaugs saga. Gesichert ist auch, dass die Traumfrauen in der Forschung überwiegend als Fylgjur verstanden werden – als persönliche Schutz- und Schicksalsgeister; Arbeiten etwa von Else Mundal und die Einträge bei Rudolf Simek ordnen diese Gestalten in ein weites Feld weiblicher Schutzwesen ein. Belegt ist zudem die feste Rolle des Traumdeuters als Figur, die die Zeichen liest.

Mythos-Check

Vorsicht bei der Frage, ob „die Wikinger" wirklich so träumten und deuteten. Die Sagas wurden Jahrhunderte nach der Wikingerzeit im christlichen Island aufgeschrieben; sie sind kein Protokoll gelebten Glaubens, sondern kunstvolle Literatur. Der Traum ist dort auch ein Erzählmittel, das Spannung aufbaut und Figuren tiefer zeichnet. Dass Träume als Vorzeichen galten, ist plausibel und passt zum nordischen Schicksalsdenken – doch die klare gute/böse-Aufteilung der beiden Traumfrauen bei Gísli trägt teils christliche Züge, während die Bildmotive selbst – wandernde Frauen, Blut, kämpfende Tiere – altnordisch bleiben. Man liest hier also weniger ein historisches Zeugnis als eine eindrucksvolle literarische Verdichtung.

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