In den langen Wintern der isländischen Höfe ging eine Angst um, die nichts mit Trollen oder Riesen zu tun hatte, sondern mit dem Nachbarn nebenan: die Furcht, dass jemand heimlich den eigenen Wohlstand abschöpfte. Der Tilberi ist die dunkelste Gestalt dieser Furcht – ein von einer Frau erschaffenes Wesen, das fremde Milch stiehlt und den Diebstahl daheim als reiche Butter erscheinen lässt.
Der Name „Tilberi" bedeutet so viel wie „Träger" oder „Herbeischaffer" – benannt nach seiner einzigen Aufgabe: Er trägt gestohlenen Ertrag heim. Im Süden und Westen Islands nannte man ihn auch snakkur, „Spindel", ein Wort aus der Welt der Wollverarbeitung, das schon andeutet, wie tief dieses Wesen in den Alltag der Selbstversorger verwoben war. Der Tilberi saugt Milch aus dem Euter fremder Kühe und Schafe, manchmal stiehlt er auch Wolle, und was er heimbringt, verwandelt sich im Haus seiner Besitzerin in einen Überfluss, den niemand erklären kann.
Es ist eine Geschichte über Neid – über die stille Frage, warum der eine Hof im Butterfass überquillt, während der andere darbt. In einer Welt, in der eine gute Milchkuh über Leben und Tod im Winter entschied, war der Verdacht, dass die Nachbarin heimlich vom eigenen Vieh nahm, keine Kleinigkeit. Der Tilberi gab dieser Angst ein Gesicht und einen Namen.
Anders als viele Gestalten der nordischen Überlieferung ist der Tilberi ausdrücklich weiblich verankert: Nur Frauen konnten ihn schaffen und besitzen. Das ist bemerkenswert, denn in den isländischen Hexenprozessen des siebzehnten Jahrhunderts wurden überwiegend Männer verurteilt und verbrannt. Der Tilberi bildet in diesem Bild eine Ausnahme – er gehört ganz in die Welt der Frauen, in die Sphäre von Milchkammer, Spindel und Herdfeuer, also genau dorthin, wo der Wohlstand eines Hofes täglich gemacht oder verspielt wurde.
Diese Zuordnung ist kein Zufall. Die Milchwirtschaft lag in bäuerlicher Hand der Hausherrin; wer Butter und Skyr verwaltete, verwaltete den Reichtum. Ein Zauberwesen, das genau diese Ressource stahl, musste in derselben Hand liegen. So spiegelt der Tilberi weniger einen bösen Einzelfall als eine ganze soziale Spannung: das Misstrauen zwischen Höfen, die um dieselben knappen Güter rangen.
Die Volkssage schildert die Erschaffung des Tilberi mit erschreckender Ausführlichkeit, und gerade diese Genauigkeit macht sie so unheimlich. Man erzählte, eine Frau müsse an Pfingsten früh eine Rippe aus einem frischen Grab stehlen. Diese Rippe umwickle sie mit grauer Wolle, die sie ebenfalls gestohlen habe, und trage das Bündel an ihrer Brust. Beim Abendmahl in der Kirche speie sie dann den geweihten Wein darauf – dreimal, sagen manche Fassungen –, bis das Wesen zu leben beginnt.
„Sie stahl eine Rippe aus einem Grab und umwand sie mit Wolle, und daraus ward der Tilberi, der ihr Milch heimtrug." Paraphrase nach isländischer Volkssage (Jón Árnason, gemeinfrei)
Genährt wurde der Tilberi auf ebenso befremdliche Weise: an einer warzenartigen Zitze am Oberschenkel seiner Besitzerin, einem Mal, das die Sage als verräterisches Zeichen der Zauberin deutet. Man erkennt hier, wie eng die Erzählung christliche und textile Motive verknüpft – das gestohlene Abendmahl, die geweihte Kirche, die Wolle, die Spindel. Der Tilberi ist ein Geschöpf aus dem Werkstoff des Hofes und aus dem Umsturz des Heiligen zugleich.
Am lebendigsten wird die Sage in der Szene beim Melken. Wenn der Tilberi sich an ein fremdes Euter hängte und sich vollsog, rief er unablässig: „Mamma, voll – mamma, voll!", bis seine Besitzerin ihn zurückrief und stoppte. Dieses kindliche, gierige Rufen gibt dem Wesen etwas grotesk Anhängliches – halb Säugling, halb Parasit. Es ist ein Bild, das man nicht leicht vergisst: eine Gestalt aus Knochen und Wolle, die im Nebel der Weide an fremdem Vieh saugt und nach seiner Meisterin schreit.
Der Tilberi war unersättlich, und genau darin lag seine Gefahr auch für die Frau, die ihn hielt. Ein Wesen, das nur nehmen konnte, ließ sich schwer wieder loswerden.
Wollte eine Frau ihren Tilberi loswerden, so erzählt die Sage, schickte sie ihn auf die Hochebene mit dem Befehl, so viel zusammenzutragen, dass er daran zerspringe. Der Tilberi gehorchte seiner Gier – und platzte unter der Last des Gestohlenen. Zurück blieben oft nur Klumpen, die man auf den isländischen Hochebenen als „Tilberi-Klumpen" deutete, seltsame Ansammlungen, für die es keine harmlose Erklärung zu geben schien.
So schließt sich der Kreis: Das Wesen, das aus Diebstahl entstand, geht am Diebstahl zugrunde. Die Sage trägt ihre eigene Moral in sich – ein Reichtum, der aus dem Nehmen kommt, kennt kein Maß und endet im Zerbersten.
Wer die Geschichte des Tilberi liest, liest zugleich die Sorgen einer ganzen Gesellschaft. In der bäuerlichen Selbstversorgerwelt Islands war die Grenze zwischen Auskommen und Hunger dünn. Eine ausbleibende Milch, eine kranke Kuh, ein magerer Sommer – all das ließ sich schwer erklären, und der Verdacht auf heimliche Schadzauberei bot eine Erklärung, die zugleich einen Schuldigen benannte. Der Tilberi ist damit weniger ein Gespenst als ein soziales Ventil: ein Bild für das Misstrauen zwischen Nachbarn, für den Neid auf fremden Wohlstand und für die tief sitzende Furcht, dass das eigene Glück heimlich abgezapft werden könnte.
Gesichert ist, dass der Tilberi ein Motiv der neuzeitlichen isländischen Volksmagie ist, reich überliefert in den Sammlungen des neunzehnten Jahrhunderts, allen voran bei Jón Árnason. Gesichert ist auch der soziale Kern: Die Sage kreist um Milchwirtschaft, Neid und die Angst vor heimlicher Schädigung in einer Selbstversorgergesellschaft, in der die Hausherrin über den Reichtum des Hofes wachte. Die verwendeten Motive – Grabrippe, geweihter Wein, gestohlene Wolle, Spindel – verknüpfen kirchliche und textile Alltagswelt zu einem geschlossenen Bild. Belegt ist ferner, dass das Wesen ausdrücklich Frauen zugeordnet wurde, was es in der Landschaft der isländischen Zauber-Folklore auffällig macht.
Der Tilberi ist kein Wesen der Wikingerzeit und taucht in keiner Edda auf. Es gibt keine schriftlichen Belege vor dem siebzehnten Jahrhundert. Ein Autor jener Zeit erwähnt eine bereits um 1500 bestrafte Hexe, und eine dänische Quelle nennt eine 1580 auf Island wegen Tilberi-Zauber verbrannte Frau – beides gehört klar in die Welt der frühneuzeitlichen Hexenverfolgung, nicht in die Götterwelt der Sagas. Der Tilberi ist also Hexenzeit-Folklore mit textilen und christlichen Motiven, überliefert vor allem durch Jón Árnason im neunzehnten Jahrhundert. Wer ihn als „altes Wikingerwesen" verkauft, verwechselt neuzeitlichen Aberglauben mit heidnischer Mythologie.

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